
Eigene Erkrankungen, fehlende Urlaubsvertretungen und viele alte, chronisch kranke Patienten können Hausärzte zum Rotieren bringen – auch da, wo es angeblich genug gibt: ein Erfahrungsbericht aus dem Erzgebirge.
Wenn man den Statistiken glaubt, ist alles in Ordnung im erzgebirgischen Zwönitz und um Zwönitz herum. Hausärztemangel? Gibt es nicht. Carmen Baumgart, Leiterin der Abteilung Sicherstellung in der Bezirksstelle Chemnitz der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen, deutet auf die Zahlenreihen vor sich auf dem Blatt. Das 9 000-Seelen-Städtchen Zwönitz*, rund 50 Kilometer südlich von Chemnitz gelegen, ist „optimal versorgt“ mit Hausärzten. Sogar deren Altersstruktur ist „eigentlich ganz ordentlich“, stellt Baumgart fest.
Steigt man weiter in die Feinheiten der Bedarfsplanung ein, dann erfährt man, dass im Planungskreis Stollberg, zu dem Zwönitz zählt, derzeit 57 Hausärzte niedergelassen sind. Nach den Regeln von Unter- und Überver-
sorgung würden 50 ausreichen, um die 92 000 Einwohner im Kreis zu versorgen. 57 Hausärzte, das bedeutet: leichte Überversorgung. „Somit haben wir offiziell kein Problem“, sagt Baumgart. Doch die Diplom-Mathematikerin kennt nicht nur ihre Statistiken, sondern auch die reale Versorgungssituation rund um Chemnitz. Deshalb stellt sie klar: „Die Bedarfsplanung repräsentiert nicht unbedingt den Versorgungsbedarf.“
Zwönitz und seine Hausärzte sind ein aufschlussreiches Beispiel dafür, dass ein Städtchen theoretisch überversorgt sein kann und in der Praxis Patienten stundenlang auf ihren Arzt warten müssen, ja sogar in Sorge sind, auf Dauer gar nicht mehr von einem Hausarzt im Ort behandelt zu werden, weil die Praxis überfüllt ist. „An sich wären wir hier mit fünf Allgemeinärzten ganz gut besetzt“, findet Dr. med. Peter Jähn (64). „Unser Problem ist aber, dass seit Jahren fast ständig zwei Kollegen langfristig krank sind.“ Einer hat inzwischen seine Praxis ganz geschlossen, der andere fällt immer wieder aus. Eine Kollegin muss sich zeitweise schonen. Jähn, ursprünglich Kinderarzt, der sich nach der Wende als praktischer Arzt niedergelassen hat, kann bald nichts mehr auffangen: „Ich scheide Ende März mit meinem 65. Geburtstag aus.“ Für die restlichen Hausärzte bedeutet das: mehr Patienten, mehr Arbeit, mehr Notdienste.

„Bei den Hausärzten sieht es wirklich schlecht aus“, bekräftigt Diplom-Medizinerin Inge Nestler (46), die als Gynäkologin in Zwönitz niedergelas-
sen ist. „Meine Patienten sind froh, wenn ich bestimmte Dinge mit erle-
dige, beispielsweise eine Grippeimpfung.“ Aber erkrankte Hausarzt-Kollegen könne sie unmöglich ersetzen.
Dr. med. Ingelore Melzer (51), als Allgemeinärztin niedergelassen, kennt beides: Patienten abwesender Kollegen mit zu betreuen und von ihnen unterstützt zu werden, wenn man selbst ausfällt. Melzer ist chronisch krank, kann manchmal nicht arbeiten und klagt: „Die letzten Jahre haben einen restlos verschlissen.“ Für ihre Patienten tut sie gleichwohl, was sie kann. Unlängst, als nicht alle Kollegen ihre Praxis geöffnet hatten, sei sie einen Tag 15, den anderen 17 Stunden in der Praxis gewesen. „Man hat keine Zeit, etwas privat zu erledigen“, seufzt sie. Dabei ist es keineswegs die eigentliche Arbeit als Ärztin, die ihr zusetzt, denn sie mag ihren Beruf. „Die Bürokratie, der Schreibkram – das ist es, was mich am meisten belastet“, betont sie. Kranken Menschen helfen zu wollen und dabei täglich unter dem Druck eines Medikamentenbudgets zu stehen sei schlimm.
An den Zwönitzern geht die Anspannung der Ärzte nicht spurlos vorbei. „Die Ärzte sind oft überlastet“, sagt Susanne M. (41)**. Sie kann auch zum Arzt nach Stollberg, Aue oder Lösnitz fahren. „Aber für alte Leute ist es umständlich“, sagt sie. Der 363er-Bus nach Aue fährt nur einmal pro Stunde und ist dann eine halbe Stunde unterwegs. Der Bus nach Stollberg braucht fast ebenso lang und kommt etwa alle 40 Minuten. Mit dem öffentlichen Verkehrsmittel wird ein Arztbesuch zur Tagestour – anstrengend, wenn man krank und noch dazu nicht mehr gut zu Fuß ist. Angespannt findet auch Petra T.** die Situation, vor allem, wenn ihre 93-jährige Mutter krank ist: „Ein paar Stunden braucht man manchmal schon, um beim Arzt zu warten.“
Peter Löffler, als Beigeordneter die rechte Hand des örtlichen Bürgermeisters, kennt die Klagen. Natürlich gehört die Sicherstellung der ambulanten Versorgung nicht zu seinen Aufgaben. „Doch die Stadtverwaltung ist am Ende für alles zuständig“, weiß Löffler. Er sorgt sich erst recht um die hausärztliche Versorgung im Ort, seit er weiß, dass der rüstige Dr. Jähn im Frühjahr tatsächlich in Rente gehen wird. „Das halten die gesunden Kollegen nicht lange durch“, fürchtet er.

Carmen Baumgart kann keine Patentlösung anbieten. Wenn ein Bezirk der Statistik nach überversorgt und damit gesperrt ist, darf sich eben nirgendwo ein zusätzlicher Arzt niederlassen – selbst wenn es stellenweise Bedarf gäbe. Außerdem kann die KV praktizierenden Ärzten nicht vorschreiben, wo in einem Planungskreis sie arbeiten sollen: „Wir haben keine Lenkungsfunktion.“ So kommt es vor, dass es innerhalb ei-
nes Planungsbezirks genug Ärzte in der Kreisstadt gibt, aber Hausärzte auf den umliegenden Dörfern fehlen. Statistisch betrachtet ist ein solches Gebiet schnell überversorgt. In Wirklichkeit haben nur die Stadtbewohner wohnortnah ausreichend Hausärzte zur Verfügung, die Dorfbewohner dagegen nicht.
Doch selbst wenn alles gut austariert ist in einem Bezirk, führt der Mangel an hausärztlichem Nachwuchs zu Problemen bei Urlaub oder Krankheit. „Ich habe zum Beispiel versucht, eine Vertretung zu bekommen, als ich vor drei Jahren etwas länger krank war“, berichtet Dr. Melzer. „Aber es fand sich einfach niemand.“ „Wir haben unser Nach-
wuchsproblem“, bestätigt Carmen Baumgart. Sieht aber die KV, die für die
Sicherstellung der ambulanten Versorgung zuständig ist, einfach nur tatenlos zu? „Wir haben keinen Einfluss darauf, frühzeitig etwas für den Nachwuchs zu tun“, bedauert Carmen Baumgart. „Die ganze Strecke Ausbildung–Weiterbildung können wir gar nicht beeinflussen.“ Selbst eine so einfache Maßnahme wie die, Ärzte in der Aus- oder Weiterbildung direkt anzuschreiben und für eine hausärztliche Tätigkeit zu erwärmen, sei für eine KV unzulässig.
Dazu muss man wissen, dass allein die Ärztekammern über die benötigten Adressen verfügen, sie aber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht herausgeben dürfen – auch nicht an eine KV. Knut Köhler, Pressesprecher der Landesärztekammer Sachsen, verweist jedoch auf das Angebot der Kammern, im Auftrag von Dritten Versandaktionen zu starten. Diese Möglichkeit hätten in der Vergangenheit beispielsweise Wissenschaftler genutzt, die sich für den Werdegang ehemaliger Medizinstudenten interessierten. In solchen Fällen werden die entsprechenden Briefe von außen in der Kammer adressiert und verschickt, der Auftraggeber übernimmt die Portokosten.
Statt Lob Differenzen

Das Initiativprogramm Allgemeinmedizin, mithilfe dessen man junge Ärzte für eine Tätigkeit als Hausarzt motivieren will, kann nicht alle Probleme lösen. Der KV Sachsen beispielsweise ist es kürzlich gelungen, mehr Ärzte für das Initiativprogramm anzuwerben als geplant. Das ist an sich lobenswert, denn anderswo konnten nicht alle Stellen besetzt werden. Statt Schulterklopfen gab es deswegen jedoch Differenzen zwischen der KV und den Krankenkassen im Land. Denn die Kosten für die Allgemeinmediziner-Stellen teilen sich KV und Kassen. Letztere wiederum stehen untereinander im Wettbewerb. Folglich sehen sie gar nicht ein, in Sachsen potenzielle Hausärzte zu finanzieren, die am Ende vielleicht in Thüringen oder Mecklenburg arbeiten.
Wenn umfassende Problemlösungen fehlen, hilft nur eines: sich durchlavieren. So läuft es auch in Sachsen. Angestellte Ärzte in Praxen beispielsweise sahen vor allem die West-KVen früher nicht gern. Wenn aber eine Praxis in Sachsen schloss und partout kein Nachfolger in Sicht war, habe man Anstellungen in Nachbarpraxen in den letzten Jahren relativ großzügig bewilligt, berichtet Baumgart. Ähnlich verhält es sich mit Zweigpraxen. „Das handhaben die Ärztekammern normalerweise restriktiv“, sagt Baumgart. Doch auch hier zwingt der Mangel an Praxisnachfolgern zu Pragmatismus. In Zwönitz wird Peter Jähn Ende März seinen Praxisschlüssel zwar keinem Nachfolger in die Hand drücken können. Doch wenigstens wird Ulrich Gericke mit einer Zweigpraxis einspringen. Er betreibt im zehn Kilometer entfernten Ortsteil Dorfchemnitz eine hausärztliche Praxis. Zwei Tage pro Woche will er von April an in den Praxisräumen von Dr. Jähn dessen Patienten betreuen – oder wenigstens einen Teil davon.
Wer zu Peter Jähn will, geht übers Gelände der ehemaligen Poliklinik, die zum Großteil leer steht. Ein Schild weist auf die Hausarztpraxis hin. Sie ist im Erdgeschoss versteckt, hinter Türen auf einem langen Gang, der sonderbar ruhig ist. Einen Empfangsbereich gibt es nicht. Man setzt sich ins Wartezimmer zu den anderen. Wer zur Toilette gegenüber muss, nimmt den Schlüssel vom Haken und hängt ihn danach wieder zurück. Ist man an der Reihe, lotst die Arzthelferin von nebenan durch ihr kleines Büro weiter zu Dr. Jähn.
„Wir haben hier keine Nobelpraxis“, sagt er etwas ironisch. Dafür profitieren die Patienten von seinen 34 Jahren Erfahrung als Kinder- und Allgemeinarzt. Wie ist das, nach so vielen Jahren keinen echten Nachfolger zu finden, dem man seine Patienten ans Herz legen kann? Und zudem auf Geld für den Ruhestand zu verzichten, das man früher für einen Praxisverkauf bekam, zumindest in den alten Bundesländern? „Hauptsache, es ist jemand hier für die Patienten“, betont Jähn. Die seien an ihn gewöhnt und nun schon in Sorge wegen seines Ruhestands, gerade die Älteren. Jähn ist überzeugt, dass er sich mit seinem Kollegen über das Praxisinventar und sonstige Fragen gut verständigen wird. So nebenbei sagt er noch: „Wenn es auch immer Geschmackssache ist mit der Art der Ärzte.“
Besuch bei Ulrich Gericke. Seine Praxis in Dorfchemnitz liegt oberhalb der Durchgangsstraße, sie ist Teil eines geschmackvoll sanierten Hofensembles. Ein paar Worte mit den beiden Helferinnen am Empfang, dann ins Wartezimmer, bis Gericke zwischendurch Zeit findet in einem der Behandlungsräume. Hausarztmangel? Nachwuchsprobleme? Der gelernte Chirurg, 56 Jahre alt, der sich 1975 als praktischer Arzt niedergelassen hat, ist mittlerweile stocksauer wegen der Rahmenbedingungen seines Berufs. Sein Zorn über die Seehofers, Fischers und Schmidts des Landes steht ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er Beispiele für deren mangelhafte Gesundheitspolitik auflistet. Er wird einspringen oben in Zwönitz, aber Jahre aufopfern wird er sich nicht mehr im Beruf: „Wenn mir das zu bunt wird, mache ich die Praxis zu.“ Auf bürokratischen Wahnsinn in Form von Chronikerprogrammen oder das Aushandeln von Einzelverträgen habe er keine Lust.
Doch Diplom-Mediziner Gericke kritisiert nicht nur Politiker, sondern auch Patienten. „Sie sind zu bequem, von Zwönitz hinunter zu mir nach Dorfchemnitz zu kommen“, sagt er. Ein Stoßseufzer entfährt ihm auch, wenn er an manchen Hausbesuch oder den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst denkt. Soll man gelassen bleiben, wenn man mitten in der Nacht zu einer 20-Jährigen in die verqualmte Wohnung gerufen wird, die fürchtet, eine Grippe zu haben, und keine vier Stunden mehr bis zur Sprechstunde warten will? Und die auf Vorhaltungen nur sagt: „Sie haben doch Notdienst!“ Seine Patienten im Wartezimmer bekommen von der Schelte nichts mit. Hört man ihnen zu, hat man den Eindruck, dass sie gern zu Gericke kommen und von seinem Können überzeugt sind. Aber es ist immer eine Geschmackssache mit der Art der Ärzte, das wird einem im kleinen Zwönitz neuerlich klar.
Lara C. (18)** geht, wenn sie krank ist, zu Dr. Melzer oder zu Dr. Jähn: „Ich kenne nur die beiden.“ Manchmal müsse man lange warten, aber so sei das eben in Zwönitz. Klagen? Keine. Bettina R.** hat auch schon anderes gehört. Die 29-Jährige arbeitete bis vor kurzem in einer Zwönitzer Apotheke, wo einem die Kunden wie überall beim Rezepteeinlösen manchmal ihr Herz ausschütten. Die Ärzte seien so überlastet und hätten keine Zeit, habe es zuweilen geheißen. Oder auch: „Wir sind voll.“ Manchmal beklagte sich ein „teurer“ Patient, dass ihn keiner haben wolle: beispielsweise ein multimorbider alter Mensch oder ein Diabetiker.
Wenn man Leute ansiedeln will, muss die ärztliche Versorgung stimmen.Peter Löffler, Beigeordneter in Zwönitz
Die Zwönitzer Hausärzte beteuern, dass sie sich nach Kräften bemühen, Patienten mit zu betreuen, wenn Kollegen krank sind oder im Urlaub. Eingezwängt zwischen Arzneimittelbugdets und Punktevolumen, bedeutet Aushilfe allerdings ein gewisses Risiko. Carmen Baumgart von der KV erläutert, dass ein Vertragsarzt zwar spätestens nach ei-
ner Woche melden muss, dass er krank ist und nicht arbeiten kann. Doch nur wenn seine Praxis länger als sechs Wochen lang geschlossen bleibt, kann – vereinfacht gesagt – sein Punktvolumen auf die Praxen der Umgebung verteilt werden, in denen seine Patienten vorübergehend mit betreut werden. Wer von den Kollegen allerdings nicht mindestens 50 Patienten mehr vorweisen kann, geht leer aus, denn das gilt als normale Schwankung.
„Mit dem Punktevolumen wäre auszukommen, wenn die Vertretungen nicht wären“, findet Gericke. Er kann verstehen, dass sich unter solchen Vorgaben immer weniger Kollegen finden, die länger als bis 65 arbeiten wollen. Carmen Baumgart verweist darauf, dass niedergelassene Ärzte als Freiberufler selbst entscheiden können, wann sie in den
Ruhestand gehen. Kein Vertragsarzt kann verpflichtet werden, bis zum 65. oder im Ausnahmefall sogar 68. Lebensjahr seine Praxis zu betreiben. Die Pensionäre seien außerdem diejenigen, die Urlaubsvertretungen übernehmen oder im Bereitschaftsdienst aushelfen.
Wenn Ärzte dauerhaft krank sind oder der Nachwuchs fehlt, wirkt sich das auch wegen des Bereitschaftsdienstes auf die Kollegen aus. „Früher hat man drei Tage hintereinander gearbeitet durch die Praxis und den Notdienst“, erinnert sich Ingelore Melzer. Die Situation hat sich in Zwönitz etwas entspannt, weil der Bereitschaftsdienstbezirk vergrößert wurde und sich nun mehr Ärzte als zuvor die Schichten teilen. Anstrengend ist es dennoch.
„Wir kommen ja auch langsam aus der Garantiezeit heraus“, scherzt Medizinalrat Dr. med. Joachim Hübschmann (56). Der Facharzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin hat viel zu tun. Doch er trägt es mit Humor: „Ich bin nicht fürs Jammern.“ Dass er den regelmäßigen Ausfall hausärztlicher Kollegen und den absehbaren Hausarztmangel im Ort lockerer nimmt als die Kollegen, hat private Gründe. „Ich habe drei Medizinstudenten in der Familie“, berichtet Hübschmann. Eine Tochter und zwei Schwiegerkinder in spe wollen Ärzte werden. Zwar dauert es bei ihnen noch ein paar Jahre bis zum Facharztabschluss, doch Hübschmann tut alles, „um die jungen Leute zu ermutigen“. Bis sie sich niederlassen, hofft er, ist vielleicht doch die ein oder andere Reglementierung weggefallen, die einem die ärztliche Arbeit verleidet. Dann werde aber vermutlich auch ein schärferer Wind wehen. „Von mir aus“, sagt Hübschmann, „wer die Patienten hat, der hat sie. Meinetwegen soll das doch der Markt regeln.“
Hübschmann ist ein umtriebiger Mensch. Er betreut als Arbeitsmediziner Betriebe und verfolgt Neuerungen im Gesundheitswesen mit Interesse. Integrierte Versorgung in Zwönitz und Umgebung? Sicher hat er Kontakt zu der ein oder anderen Klinik. Aber wie etwas auf die Beine stellen, wenn auch dort Ärzte fehlen? Was fast immer fehlt, ist die Muße, Neues zu entwickeln. „Für Innovationen braucht man Zeit, hopp, hopp geht da nichts“, sagt Hübschmann. Aber die Pläne für ein neues Altenheim im Ort verfolgt er aufmerksam, denn dort wird auch ein Betriebsarzt gebraucht.
Doch nicht nur der. Die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen geht in dieselbe Richtung wie im Rest Deutschlands. In Zukunft wird es immer weniger unter 15-Jährige geben und immer mehr alte Menschen. Besonders sie brauchen Hausärzte. In Zwönitz, wo aufgrund
der kranken Kollegen schon heute Not herrscht, müssen längst auch die Bewohner des Altenheims Bethlehemstift Zwönitz mit versorgt werden. Ein zweites Seniorenheim hat kürzlich Richtfest gefeiert, ein drittes ist in Planung. „Das Bethlehemstift ruft jeden Tag hier an“, berichtet Dr. Melzer. Schließlich habe das meiste Personal dort keine medizinische Qualifikation und könne gar nicht die Verantwortung übernehmen, wenn es einem Heimbewohner schlecht gehe. Außerdem machten die Angehörigen oft Druck, einen Arzt zu rufen. „Man schafft es aber gar nicht, dreimal am Tag hinüberzugehen“, sagt Melzer. Der Heimleiter will zu dem Thema nichts sagen.

Theoretisch könnten Ärzte aus dem Ausland eine Hilfe gegen den Ärztemangel sein, beispielsweise solche aus Osteuropa. Damit hat Hübschmann Erfahrung. Er holte vor Jahren einen Kollegen aus Ungarn zur Entlastung in seine Praxis. „Sowas ist gespickt mit Schwierigkeiten“, erinnert er sich. Mengen an Formularen waren auszufüllen, Anträge zu stellen, mehrmals war er im Regierungspräsidium. Endlich war der Papierkram erledigt, der Kollege arbeitete sich ein. Da ergab sich ein neues Problem: Der Mann fand manche Patientin anziehender, als es einer Arzt-Patientin-Beziehung gut tut, und musste gehen. Ein Einzelfall, meint Hübschmann. Selbstverständlich könne man solche Anläufe wagen.
Also Ärzte aus Polen, Tschechien, Ungarn anwerben? Carmen Baumgart winkt ab. Erstens ist das wegen möglicher Sprachprobleme nicht unumstritten. Zweitens ist das Verfahren selbst für Verwaltungsprofis ein hartes Brot. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft gibt es keine Approbation, ohne Approbation keine Zulassung, andererseits ohne Nachweis der beruflichen Einbindung in Deutschland keine Staatsbürgerschaft. Hier und da endeten die Bemühungen in den letzten Jahren mit zeitlich befristeten Genehmigungen für eine Praxisanstellung. Doch die Nachfrage ist längst so gering, dass selbst aus den wenigen hoffnungsvollen Kontakten nichts mehr wurde. Ob sich durch die Erweiterung der Europäischen Union etwas bewegen wird? Baumgart zweifelt: „Wenn Westpraxen im Angebot sind, dann sind wir hier vielleicht nur Durchgangsstation.“
Nicht jeder ungarische, ja nicht einmal jeder deutsche Allgemeinmediziner würde zudem mit den Erzgebirglern klarkommen. „Wenn der Mangel akut ist, akzeptieren die Leute jeden“, vermutet Baumgart. Sonst bevorzugten sie Ärzte, die aus der Gegend stammen. „Das ist so“, sagt Ulrich Gericke. Selbst ihm sei es nicht leicht gefallen, Vertrauen zu erwerben, und er sei schließlich vor Jahren nur aus Magdeburg nach Zwönitz gekommen. Dr. Melzer stimmt zu: „Wenn man ,zugereist‘ ist, wie es hier heißt, hat man es schwer.“ Die Erzgebirgler hätten eben eine besondere Mentalität. Aber, lassen alle durchblicken, im tiefen Bayern oder im ländlichen Ostfriesland sei das sicher nicht anders.
Was aber tun, wenn der Hausarztmangel auf dem Land unübersehbar wird? Über den Nutzen von Umsatzgarantien gehen die Meinungen vor Ort auseinander. „Der Umsatz ist nicht das Problem“, findet Dr. Nestler. Wo Hausärzte fehlten, gebe es Arbeit und damit
Umsatz. Sie glaubt, dass den Nachwuchs die Bürokratie abstößt: „Gerade die Hausärzte werden stark an die Kandare genommen mit Arzneimitteln und müssen sich sorgen, dass sie haften, wenn sie zu viel verordnen“, sagt sie. Außerdem verlaufe die ganze Diskussion über das Gesundheitswesen in den Medien „nicht gerade pro Arzt“. Aber wann hat der Rückzug des Nachwuchses eigentlich begonnen, grübelt sie? Als Arzt sei man in der DDR früher nicht reich geworden, aber eine schöne Landarztpraxis war bei den Kommilitonen beliebt. Ob nicht doch manches in der Ausbildung falsch laufe?
Für Ulrich Gericke ist das keine Frage, sondern eine Tatsache. Man müsste sich mehr um die Ausbildung kümmern, Medizinstudenten stärker zu Hausärzten ausbilden, ist er überzeugt. Aber finanzielle Aspekte spielten schon eine wichtige Rolle. „Das Problem ist das liebe Geld“, sagt Gericke. Viele junge Kollegen suchten eben einfache, gut bezahlte Jobs. „Man sollte den Verwaltungsaufwand drastisch senken, dann wäre mehr Spielraum da für die Versorgung der Patienten“, fordert Dr. Melzer. Solche Maßnahmen würden den Arztberuf wieder attraktiver machen, nicht Umsatzgarantien. Junge Kollegen werden heutzutage durch die Gesundheitspolitik doch abgestoßen, betont die Ärztin. Außerdem sei die Arbeit in den neuen Bundesländern aufgrund des Abschlags Ost immer noch schlechter bezahlt als in den alten.
Orte wie Zwönitz brauchen aber Hausärzte. Hier sei es gelungen, die Abwanderung in Grenzen zu halten, betont Beigeordneter Löffler. Die Plattenbauwohnungen in den DDR-Neubaugebieten sind demnach gut vermietet, Leerstand gibt es kaum. Jüngere Leute ziehen zu, weil die Preise für Eigenheime noch bezahlbar sind. „Zwönitz ist kein Hinterwäldlernest, in das keiner will“, sagt Löffler fast ein bisschen trotzig. „Eine Kleinstadt kann schließlich auch etwas Positives haben.“ Zum Positiven, das macht er aber auch unmissverständlich klar, zählen für junge Familien wie für Investoren genug Ärzte: „Wenn man Leute ansiedeln will, muss die ärztliche Versorgung stimmen.“
Quelle: Deutsches Ärzteblatt
Siehe auch: Deutschland gehen die Ärzte aus
























